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In den Pyrenäen
Ein Blumenmeer am Rathaus von Chatillon.
Immer wieder fährt der fünfjährige Philippe mit seinem Fahrrad einen Meter vor der Nase der Katze entlang. Doch die zeigt starke Nerven oder hat grenzenloses Vertrauen oder beides. Das Tier bleibt stur liegen auf dem von der Sonne überfluteten Fleck mitten auf dem Spielplatz zwischen den bis 17 Stockwerke hohen Häuser. Nur das linke Auge ist einen Schlitz breit geöffnet und behält den kleinen Radfahrer doch noch vorsichtshalber im Blick. Jean-Pierre, der Vater des Kleinen, schaut von einer Bank aus der Idylle zu. Viel lieber würde er jetzt einer Arbeit nachgehen, sagt er. Und auch in einer der schicken, erst in den letzten fünf Jahren entstandenen Wohnungen an der Avenue Saint Exupery wohnen, die nur fünf Minuten zu Fuß entfernt liegen. Chatillon, Partnerstadt von Merseburg in Sachsen-Anhalt, vor den Toren von Paris, hat viele Gesichter. Die Altstadt rund um Rathaus und Kirche St. Philippe-St. Jacques mit ihren verwinkelten Gassen und kleinen anheimelnden Bauten; die schmucken, mehrgeschossigen Häuser mit ihren Eigentumswohnungen, für die man schon mal gut und gerne für 100 Quadratmeter eine halbe Million Euro hinblättern muss; oder die ostdeutschen Plattenbauten ähnlichen mehr oder weniger hohen Häuser, in denen wenig betuchte Familien wohnen. "Die Häuser sind noch unter dem kommunistischen Bürgermeister entstanden", sagt ein Mann im Bistro nahe der Metro-Station Chatillon-Montrouge und meint die Stadtregierung vor der Ära Jean-Pierre Schosteck. Ein bisschen Verächtlichkeit schwingt in der Stimme mit, die im Gegensatz zum nächsten Satz steht. "Das war ein Versuch, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen." Was nahezu in allen Gesichtern der Stadt an einem sonnigen Sommernachmittag zu lesen ist: hier wird vor allem geschlafen. Die meisten Bewohner haben irgendwo in Paris ihren Arbeitsplatz, egal, ob gut oder schlecht bezahlt. "Eigentlich fühlen wir uns auch als Pariser", sagt Jean-Louis Morlet, der seit gut fünf Jahren in Chatillon lebt; als Pensionär in einer der Wohnungen an der Avenue Saint Exupery. "Chatillon ist eine von vielen Schlafstädten rund um Paris", meint er. Montrouge, Bagneux, Malakoff, Fontenay aux Roses und Clamart rahmen den Ort ein. Alle zusammen gehen sie nahtlos in Paris über. Und dorthin fahren die Menschen aus Chatillon auch, wenn sie sich abends vergnügen, wenn sie einkaufen, wenn sie Essen gehen oder wenn sie Gästen ihre Heimat zeigen wollen. Nichts los hier? Der erste Eindruck trügt ein wenig. Zwar gibt es in Chatillon kein Schloss, keine Burg, kein bemerkenswertes Museum, aber einen Bauboom, der erstaunt. Neue Häuser wachsen empor, darunter der Bürokomplex von Siemens für sein Transport-System-Unternehmen, das die berühmten TGV ausstattet, die schnellen französischen Züge. Für sie hat Chatillon ein großes Wartungs- und Reparaturwerk. "Hier schlafen also auch die Züge", witzelt Morlet. Die hUuml;bschen kleinen Parks der Stadt laden zum Verweilen ein. Überall ist das Bemühen zu sehen, der Stadt mit Blumen Schmuck zu verleihen. Es gibt über das Jahr hinweg viele Feste, natürlich nicht direkt im Sommer. Da hält man es selbstverständlich mit den Parisern. Da flüchtet aus der französischen Hauptstadt, wer nicht unbedingt da sein muss. Dann überlässt man Paris der Händler- und Gastronomenbranche und den Touristen. Wobei letztere sich eher nicht nach Chatillon verirren. Ungläubig schaut die Kellnerin im Bistro, als sie hört, man wolle sich Chatillon anschauen. Wenigstens beim Stichwort Merseburg nickt sie und weiß: "Es gibt bei uns eine Rue Merseburg. Ich wohne ganz in der Nähe." Ein verträumter Straßenzug mit kleinen Häusern trägt den Namen der deutschen Partnerstadt und wird von der Rue Genzano di Roma, Name der Partnerstadt in Italien, gekreuzt. Der Mann hinter dem Gartenzaun, der etwas verwundert schaut, wieso jemand seine Straße fotografiert, nickt. Merseburg, ja da habe er auch schon was in der Zeitung gelesen. Gemeint ist das Heftchen "Chatillon Informations", das im A-4-Format und mit Glanzbildern über Rathausangelegenheiten, bevorstehenden und absolvierte Veranstaltungen und die Aktivitäten des Bürgermeisters informiert. In der Partnerstadt selbst war der Mann am Zaun noch nicht. Zu weit, meint er. "Hier in Paris habe ich doch alles, was ich brauche."
Der grüne Fluss - ein Radweg, der von Paris durchs Grüne bis weit hinaus in die Vororte führt..
Ein weiter Blick in Richtung Paris. |
Stille, verwinkelte Gassen gehören
Häuser mit Eigentumswohnungen
Häuser mit Mietwohnungen
Blick auf die teure Avenue Saint Exupery.
Grüne Oase in der Stadt.
Blumenschmuck ist allgegenwärtig. |