Die kleinen Städte in Frankreich haben ihr ganz eigenes Flair. In ihnen lässt sich viel entdecken.
Wer kennt schon Vierzon? Außer in Bitterfeld. Die sachsen-anhaltische Stadt, die längst den
Geruch und den Ruf der ewig dreckigen Stadt abgelegt hat, ist Partnerstadt von Vierzon.
Eher kennt man vielleicht noch Bourges. Beide Städte liegen nur eine halbe Autostunde
auseinander in einer Region des Weinbaus südöstlich von Paris (2003).

Lichternacht in Bourges Lichternacht in Bourges

"La ville des Nuits Lumiere" - die Stadt der illuminierten Nächte: Bourges. Es ist sehenswert, was an Sommerabenden in der kleinen Stadt mit Licht veranstaltet wird. Viele Gassen sind in das blaue Licht der Straßenlaternen getaucht, Fassaden geschickt angestrahlt.

 

12.30 Uhr - Mittag. Nahezu schlagartig leeren sich die Straßen, die Geschäfte schließen. Und den Kellnerinnen im Restaurant "Au Bureau" treten die Schweißperlen auf die Stirn. Fast alle Plätze draußen unter den Sonnenschirmen auf dem Place Aristide Briand sind besetzt.

In den anderen Restaurants dasselbe Bild. Frankreich hält für eine gute Stunde den Atem an.

In einer kleinen Stadt wie Bitterfelds Partnerstadt Vierzon fällt das richtig auf, was einem in einer großen Stadt wie Paris im Touristentrubel entgeht. Da sitzen sie und warten auf ihren großen Salatteller, auf das Hähnchen in Weinsoße oder Muscheln und auf ihr Dessert wie Mousse au chocolat und andere Leckereien. Der Banker im Anzug und die Verkäuferin in Jeans aus der kleinen Boutique in der Rue Marechal Joffre.

Am Morgen, kurz nach Geschäftsöffnung, hat sie den Kopf ein wenig in den Nacken gelegt und überlegt, ob sie mit dem Stichwort Bitterfeld etwas anfangen kann und den Kopf geschüttelt. Bei der Nachhilfe Partnerstadt kommt dann doch ein kleines Leuchten in die Augen. "Sind da mal Leute von uns mit dem Fahrrad hingefahren?" fragt sie und ich nicke.

Die Partnerstädte von Vierzon sind nicht gerade in aller Munde. Aber wo auf der Welt ist das schon so? Außerdem hat Vierzon Partner gleich im knappen Dutzend. Elf seien es, sagt Christelle Renaud, in der Stadtverwaltung für die Arbeit mit den Partnerstädten zuständig. Nach China, England, Spanien, Portugal, Polen, Marokko, Algerien, Libanon, in die Türkei und nach Deutschland unterhält die 30 000 Einwohner zählende Stadt Beziehungen. Neben Bitterfeld ist auch Rendsburg ein deutscher Partner.

Regelmäßig kommen Gruppen aus den Partnerstädten in das Städtchen, dessen Einwohner die Nähe zu den Landschaften der Loire im Norden und zu den Weinbaugebieten im Süden genießen.

Gegen 14 Uhr kommt wieder Leben in die kleine Stadt. Man geht vom Essen zurück ins Geschäft. Die Glastüren im Erdgeschoss alter Fachwerkhäuser werden wieder aufgeschlossen.

In der Kirche Notre Dame sind die Türen die gesamte Zeit über offen gewesen. Das Gotteshaus, von dem einige Teile bereits aus dem 12. Jahrhundert, der Glockenturm aus dem 13. und die Seitenschiffe aus dem 15. Jahrhundert stammen, ist ein Kleinod der Stadt. Schlichte Architektur, aber wunderschöne Bleiglasfenster. Herausragend jenes, das der Schutzheiligen der Stadt, der heiligen Perpetue, gewidmet ist. "Sie starb 203 in Karthago den Märtyrertod", erzählt Stadtführer Hugues Flamment.

Vor mehr als 1000 Jahren kamen die Reliquien nach Vierzon. Und die Kirche erzählt auch die Geschichte vom Geistlichen Jean Tinturier, der 1944 freiwillig ins Konzentrationslager Mauthausen ging, um den dort Eingekerkerten Beistand zu geben und umgebracht wurde.

Wenig später dreht Flamment den Schlüssel in der Tür zum Stadtmuseum "Fours Banaux" herum und winkt die Gäste hinein. Es ist nur ein Raum, aber mit einige Schätzen. Die restaurierte Uhr aus dem 15. Jahrhundert zum Beispiel, die zuverlässig tickt, wenn man ihr Werk freigibt. Oder der Backofen aus derselben Zeit. Er erinnert daran, dass damals Vierzoner Bäckern das Brotbackrecht erteilt wurde.

Und hier findet man auch Matthieu, Marc, Luc und Jean. Die vier Heiligen haben ihren Platz im Museum erhalten, da ihnen in der Kirche Diebe ans geschnitzte Holz wollten. Matthieu war schon einmal entführt worden. Daher sind die vier Wandborde, auf denen die fast 600 Jahre alten Figuren in der Kirche standen, jetzt verwaist.

Stadtführer Flamment weiß über alles Bescheid, was mit der Geschichte der Stadt zu tun hat. Er erzählt vom Ochsentor, durch das die Tiere aus dem Süden Frankreichs auf ihrem Weg ins unersättliche Paris getrieben wurden. Er spricht von der früheren Abtei, zeigt die alten Fachwerkhäuser in der Stadt.

Die Stadtführungen, die man im Fremdenverkehrsbüro vereinbaren kann, sind übrigens grundsätzlich kostenlos für die Besucher Vierzons.

Trotz seiner gerade mal 30 000 Einwohner hat Vierzon kulturell allerhand zu bieten. Neben dem Stadtmuseums lädt auch das Seiden-Museum zum Besuch ein. Dort werden Seidenraupen gezüchtet und der gesamte Werdegang der Seidenproduktion erklärt. Nur wenige Autominuten von der Stadt entfernt in Mehun sur Yevre gibt es ein Porzellanmuseum.

Als Industriestadt, die übrigens auch mit Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsrückgang zu kämpfen hat (in den 80er Jahren hatte die Stadt einmal 37 000 Einwohner), widmet man sich auch der technischen Tradition. Zum Beispiel im Lokomotivmuseum oder in der von einem Verein initiierten Schau von Landmaschinen. Für letztere war Vierzon ein wichtiger Standort.

Im Sommer, wenn die Nächte lau sind, zieht es auch manchen Einwohner und die Touristen von Vierzon hinüber in die 35 Kilometer entfernte, benachbarte und etwas größere Stadt Bourges. Denn dann gehen 22.30 Uhr in der Departement-Hauptstadt auf ganz besondere Art die Lichter an.

"La ville des Nuits Lumiere" - die Stadt der illuminierten Nächte - erstrahlt dann in einem atemberaubenden Flair. Im Stadtpark hinter dem Rathaus und der Kathedrale sammeln sich Grüppchen und Gruppen. Ein bis zwei Stunden lang streifen sie dann entlang der mit blauen Lichtern gekennzeichneten Route durch das Stadtzentrum und bestaunen die beleuchteten alten Häuser, Palais, Innenhöfe und die Kathedrale selbst. Musik erklingt dazu, Szenen aus der Stadtgeschichte werden an Häuserwände projiziert. Und erst weit nach Mitternacht lassen sich die letzten Spaziergänger irgendwo noch auf ein Gläschen Wein nieder.

Und wenn man darauf achtet, dann ist es ein Wein aus der Umgebung Vierzons. Vor allem im Süden der Stadt liegen die Weinfelder auf den weiten und sanften Hügeln links und rechts des Flüsschens Arnon.

Und nicht zuletzt ist Vierzon idealer Ausgangspunkt für Fahrten zu den Sehenswürdigkeiten der Route Jacques Coeur. Von Ainay-le-Vieil über Bourges zieht sich diese, der sachsen-anhatischen Straße der Romanik vergleichbare Route entlang von Schlössern und Klöstern bis nach La Bussiere im Bereich der berühmten Loire-Schlösser.

Jacques Coeur hat im 15. Jahrhundert gelebt, war Kaufmann und Finanzminister von Frankreichs König Charles VII. Das Palais des "kleinen Königs von Bourges" gilt in Frankreich als das schönste zivile Bauwerk des 15. Jahrhunderts.

 

Weinfelder Geschäftsgasse Vierzon

Weinfelder umgeben Vierzon, in dessen kleinen Gassen mit bunten Geschäften es sich gut bummeln lässt.

 

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Wandbild Bourges

Historische Szenen werden während
der illuminierten Nächte an die
Wände der Innenhöfe projiziert.

 

Kathedrale

Der beleuchtete Turm der Kathedrale
in Bourges.

 

Palais Jacques Coeur

Das Palais von Jacques Coeur
in Bourges gilt als eins der schönsten
Bauwerke des 15. Jahrhunderts
in Frankreich

 

Park in Vierzon

Farbenprächtig - der Park in Vierzon.

 

Kirchenfenster

Das wunderschöne Kirchenfenster
der heiligen Perpetue.

 

Kirche

Kirche Notre Dame von Vierzon

 

Denkmal

Gedenken an Jean Tinturier.

 

Uhrwerk

Die 600 Jahre alte Uhr im
Stadtmuseum Vierzon.

©Birger Zentner

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